Sonntag, 9. Februar 2020

Abenteuer Nahverkehr

Auch ganz ohne Sturm kann man bei DB Regio was erleben.

Letzten Freitag wollte ich den Nachmittag frei nehmen und direkt von der Arbeit (in Freiburg) an den Schluchsee fahren, um in der Ferienwohnung nach dem Rechten zu sehen, ein bisschen herumzuwandern, und am Samstagmorgen wieder  entspannt zurückzukehren.
Bevor die Strecke elektrifiziert wurde, ging das eigentlich im Großen und Ganzen immer problemlos.
Jetzt ist das alles sehr viel schwieriger geworden (der Fortschritt, nicht wahr). Das war mir natürlich schon bewusst. Also habe ich mich akribisch vorbereitet.

Abfahrt 12:52 in Freiburg-Herdern zum Hauptbahnhof, dort weiter um 13:16 nach Seebrugg. Der hintere Zugteil fährt nach Seebrugg. In Titisee wird der Zug jetzt nämlich geteilt, und ein Teil fährt nach Neustadt.

12:40: Ich checke alles noch mal im Internet: jawoll, alles pünktlich, keine Verspätungen, alles im Grünen Bereich. Prima!
12:45: Den mittelschweren Rucksack geschultert und los.
12:48: Ich bin am Bahnsteig und guter Dinge.
12:52: Kein Zug da.
12:55: Fahrgastinformation: Diese Regionalbahn fällt heute aus. Und das wussten sie um 12:40 noch nicht? Das Ding kommt von Offenburg, ist also eine Weile unterwegs. Na gut, ich müsste es auch zu Fuß noch gut schaffen. Schön ist die Strecke durch die Stadt nicht, mit Rucksack noch viel weniger, aber was soll's.
13:10: Ich bin am Bahnsteig und guter Dinge.
13:16: Kein Zug da. Fahrgastinformation: Heute 5 Minuten später.
13.20: Kein Zug da. Fahrgastinformation: Heute 10 Minuten später.
13:25: Fahrgastinformation: Achten Sie auf die Lautsprecherdurchsage. Kommt keine. Dann: Regionalbahn 13:46 nach Titisee. Ein Zug trudelt ein. Öh, welcher ist das jetzt? Schon noch der erste, sagen die anderen. Die müssen es ja wissen. Der Zug hat drei Teile. Wie es im Internet stand, steige ich in den hinteren Zugteil ein.























Ruhig hier, nicht wahr? Auf der elektronischen Anzeige steht leider auch Titisee, nicht Seebrugg. Wie immer kommt kein Schaffner, den man etwas fragen könnte.
Wie immer werde ich kurz vor Titsee nervös und löchere die vereinzelten anderen Fahrgäste, ob sie wissen, ob dieser Teil nach Seebrugg... nein, sagt mir ein freundlicher kleiner Junge, der hintere Teil bleibt in Titisee stehen, der vordere fährt nach Neustadt und der mittlere fährt nach Seebrugg.
Tatsächlich, kurz bevor der Zug hält, verrät uns eine Durchsage genau das auch noch mal. Schade, dass im Internet was anderes und am Freiburger Hauptbahnhof gar nichts zu dem Thema steht.
Na ja, umgestiegen ist man schnell. Jetzt ist es auch viel voller.

Mit ungefähr 20 Minuten Verspätung kommen wir in Seebrugg an, weil wir unterwegs auf irgendwas warten müssen, das jetzt wieder bergab fährt und man nur eben an ein paar Bahnhöfen aneinander vorbei kommt.
Der Zugführer verabschiedet sich mit den Worten: "Wir bedanken uns wirklich bei Ihnen dafür, dass Sie immer noch mit uns fahren."
Das ist doch mal nett und lustig, und so schlimm war es ja auch gar nicht. (Wobei - ich fahre eigentlich nicht mit der DB, weil ich so freundlich bin oder weil ich die so toll finde, sondern weil ich keine Alternative habe. Aber egal.)

Ich lasse den Bus, der sogar auf uns gewartet hat, stehen und gehe die letzte halbe Stunde zu Fuß, weil das Wetter echt schön ist.


















Am Samstagmorgen soll nach meinem Plan der Zug um 07:09 fahren. In Freiburg habe ich jetzt leider immer eine satte Dreiviertelstunde Aufenthalt. Deswegen werde ich erst um 09:50 zuhause sein.

06:30:  Den (jetzt zum Glück leichteren) Rucksack geschultert und los. Bei ordentlichem Frost, im Dunkeln, aber ich habe ja eine Taschenlampe.
07:02: Ich bin am Bahnsteig und guter Dinge. Der Zug ist auch schon da und piepst hektisch. Warum? Keine Ahnung. Ich drücke auf den Türöffner, zu spät. Zug fährt ab.
Oh.























Der Plan am Bahnhof sagt Abfahrt 07:02, mein Ausdruck 07:09. Schade eigentlich.
Der ursprünglich mit der Elektrifizierung versprochene Halbstundentakt ist ja nun irgendwie doch nicht gekommen. Der nächste Zug fährt also um 08:04.
Ich beschließe, zu Fuß nach Schluchsee-Ort zu gehen, Rucksack hin oder her, denn wie gesagt haben wir ca. -6°C.























Das sind noch mal gute 20 Minuten, die warm halten und mir einen tollen Ausblick auf einen riesigen untergehenden Vollmond bieten. Foto verwackelt, weil dunkel. In echt sah es wirklich klasse aus.
In Schluchsee gehe ich zum Bäcker und kaufe Brot und Brötchen, die ich in einer zusätzlichen Baumwolltasche unterbringen muss, denn mein Rucksack ist zwar leicht, aber durchaus nicht leer.


















Dann mache ich noch einen ausgedehnten Spaziergang (es ist ja immer noch kalt) und bewundere den Sonnenaufgang.

Zurück am Bahnhof warte ich ein bisschen rum, bin guter Dinge, und dann trifft mich der Schlag: 



















Echt spitze.
Die Deutsche Bahn entschuldigt sich zwar brav, lässt aber ihre Fahrgäste leider erfrieren. Eine Wartehalle gibt es nicht.
Der nächste Zug fährt um 09:07.
Weiterhin herumlaufen möchte ich nicht, weil ich nicht auswendig weiß, wie lange ich bis zum nächsten Bahnhof brauche, und dann habe ich ja jetzt auch außer dem Rucksack noch die Bäckertüte dabei.

Gott sei Dank macht das Kurhaus Schluchsee um 08:00 auf. Das Kurhaus besticht durch einen seit Langem geschlossenen Gastronomiebereich, einen muffig riechenden Teppichboden und vier Sitzgelegenheiten aus den späten 70er Jahren.


















Immerhin herrschen Temperaturen über dem Gefrierpunkt, es gibt Toiletten und ein ehrlich sehr schickes, top gepflegtes Aquarium.
Weil ich Deutsche Bahn ja schon kenne, habe ich ein Buch dabei. Fein, denn so spannend sind die Fische auf Dauer auch wieder nicht.


















Am Bahnhof friert es immer noch, als ich auf den nächsten Zug warte.
Aber egal, er taucht auf, und er fährt.


















Bis hier, hier steht er noch mal ein bisschen herum.
Das ist aber mir wie gesagt egal, weil ich in Freiburg eh zu viel Zeit habe. Im Freiburger Hauptbahnhof lese ich zwischen zwei Obdachlosen vor einer hektisch blinkenden elektronischen Reklametafel mein Buch zu Ende und freue mich wie Bolle, dass die Regionalbahn nach Elzach beinahe pünktlich fährt. (Kunststück, für noch drei goldene Wochen dürfen wir die guten alten Dieselloks und einen vernünftigen Fahrplan genießen, dann bricht nach Baumaßnahmen von ungewisser Dauer das elektrische Elend auch hier über uns herein.)

Um 11:50 bin ich wieder daheim. Schlappe fünf Stunden und zwanzig Minuten Reisezeit. Mit einem Auto bräuchte man ungefähr anderthalb.
Entschädigungen für Verspätungen gibt es natürlich nur für Fahrgäste im Fernverkehr.

Unsereins darf sich auf den stürmischen Montag freuen, an dem man ja am besten zuhause bleiben sollte, wie die Bahn meint. Dummerweise müssen Berufspendler trotzdem zu Arbeit.

Kommentare:

  1. Das war ein toller Tag für dich du hast so viel gesehen und gewandert wegen der Bundesbahn, du müsstest Kilometergeld bekommen von denen echt.
    Wahnsinn die Odyssee das hört sich an wie so ein Spielfilm die vergessene Frau am Bahnhof*zwinker*. Aufgepasst wegen dem Sturm heute Nacht und Morgen.
    Ich wünsche dir eine gute neue Woche!
    Lieben Gruss Elke


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  2. Lieber gottverdammter Himmel. Umwerfend großartig und urkomisch zu lesen, und Du hast ja wirklich eine Wahnsinnsgeduld und das Talent, aus allem noch das Allerbeste zu machen, aber Himmelarschundzwirn, den Verantwortlichen im Vorstand müsste man das Fell über die Ohren ziehen und sie nackt in die Kälte rausschubsen. Ich hab bei der Bahn auch schon absurdes Zeug erlebt, aber Deine Geschichte toppt alles. Ich hoffe, das wird sehr bald besser mit dem superdupertoll modernisierten Nahverkehr und pendelt sich einigermaßen zuverlässig ein!

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    1. Was ich an dir so mag ist deine sanfte Natur! :D

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