Samstag, 12. August 2017

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich


















Nachdem ich beschlossen habe, nur was noch über Bücher zu schreiben, die es wert sind, schreibe ich fast gar nichts mehr. Das liegt nicht daran, dass ich nur schlechte Bücher lese, das liegt daran, dass ich 1. faul bin und 2. die Bücher, die ich am besten finde, oft nur noch antiquarisch zu kriegen sind.

Nicht so die Klassiker. Der grüne Heinrich ist zwar alt, aber unbestritten einer der großen deutschsprachigen Bildungsromane.
Darüber was zu schreiben heißt natürlich Eulen nach Athen tragen, obwohl ich glaube, dass heutzutage die wenigsten Leute das Buch tatsächlich gelesen haben...
Es gibt zwei Fassungen. Ich hab die zweite.

Beschrieben wird (auf über 800 Seiten) die Kindheit und Jugend des etwas verträumten Heinrich, der bei seiner verwitweten Mutter in der Schweiz aufwächst und dem, wie er selber meint, vielleicht die strengere Hand eines Vaters fehlt. Die Mutter verwöhnt ihn nicht, lässt ihm aber viele Freiheiten. Nachdem er von der Schule fliegt, will er unbedingt Landschaftsmaler werden. Obwohl er durchaus Talent hat, gestaltet sich sein Weg zunehmend schwierig: Erst ein schlechter Lehrer, dann ein guter, der aber leider geisteskrank ist, dann der erfolglose Versuch, in München als Künstler Fuß zu fassen. Heinrich lebt lange Jahre lang von Geld, das sich seine Mutter buchstäblich vom Munde abspart.
Auch seine Beziehungen zu Frauen sind nicht von Erfolg gekrönt. Seine platonische Jugendliebe Anna stirbt jung, woraufhin er sich auch von der sinnlichen Judith trennt, mit der er gleichzeitig erotisch verbandelt war. Als sich Heinrichs wirtschaftlichen Verhältnisse dank der Hilfe eines Gönners schließlich bessern, verliebt er sich in dessen Ziehtochter. Ihr seine Liebe zu gestehen, traut er sich aber nicht.
In der zweiten Fassung des Roman ist das Ende dann doch noch recht versöhnlich gestaltet. Heinrich baut sich ein bescheidenes bürgerliches Leben auf und findet zwar keine Ehefrau, aber eine Freundin.
Es ist nicht überraschend, dass das ein sehr stark autobiographisch geprägtes Buch ist. Das bekommt ihm ausgezeichnet, weil der Autor so ungefähr alles selbst erlebt hat.

Ich finde, dass man den grünen Heinrich gerade heute sehr gut verstehen kann. Auch wir haben mehr oder weniger alle Freiheit der Welt und alle Wahlmöglichkeiten im Berufs- und im Privatleben. Aber es ist nunmal trotzdem nicht jedem gegeben, sich daraus sein individuelles Glück zu basteln.
Wer lange Bücher mit eingestreuten Randgeschichten mag, ist hier richtig.

Ist die Schrift nicht toll?


















Meine hübsche Ausgabe ist aus dem Jahre 1925 vom Insel-Verlag. Ein verdächtig geschontes Bibliotheks-Exemplar, für 10 Cent aus der berühmten Grabbelkiste gefischt.

Reklame liegt noch drin..























Das Leinen ist nach wie vor schön grün, die Vergoldung glänzt, und das holzfreie Papier denkt auch mit beinahe 100 Jahren auf dem Buckel nicht ans Vergilben. Die vier Mark fuffzig haben sich echt gelohnt.

In bescheidener Ausstattung, aber dafür neu, gibt es das Buch für ungefähr 12,- € oder für den Kindle für 3,99.
Irgendwo hab ich sogar eine Hörbuch-Variante für alle gesehen, die sich mal 37,5 Stunden lang was vorlesen lassen wollen...

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