Montag, 6. Juni 2016

"Die Powenzbande" von Ernst Penzoldt























Untertitel: Zoologie einer Familie. 

Ihr ahnt es bereits: Auch dieses Buch habe ich aus der Grabbelkiste geborgen. Nicht ganz auf Verdacht, denn ich erinnerte mich noch an die Fernsehserie aus den 70er Jahren, deren Wiederholung ich als Teenie mal mit meiner Mutter gesehen hatte.
Das Buch selber ist von 1930. Meine Ausgabe ist aus den 50ern und wurde um einen Anhang ergänzt, der wohl erst nach dem Krieg entstanden ist.

Die Helden des Buches: Eine kinderreiche Familie ohne festes Einkommen und mit konstant wechselndem Wohnsitz in einer beschaulichen Kleinstadt. Ungewaschene Leute mit wenig Hang zu (spieß)bügerlicher Wohlanständigkeit, aber dafür mit viel Sinn für Anarchie, voller derber Lebensfreude, genussvoller Boshaftigkeit und handfestem Familiengefühl.


















Da gibt es es den niemals nüchternen, übrig gebliebene Ziegelsteine für das geplante eigene Haus sammelnde Patriarchen, seinen Ältesten, der sich als unermüdlicher Liebhaber der Damenwelt hervortut, den sagenhaft faulen Sohn, der eine Sekte der Schlafanbeter gründet, die Tochter, die angeblich von der käuflichen Liebe lebt, tatsächlich aber geradezu das Gegenteil tut, den tierlieben Träumer und Retter aller verletzten Kreaturen, den respektlosen Künstler, den unwiderstehlich schönen, aber gänzlich herzlosen Sprössling, der phantasievoll alle quält, die ihn anbeten... und nicht zu vergessen eine Vielzahl Gegen- und Randfiguren, die auch sehr unterhaltsam sind. Geschrieben ist das teils im nicht ernstgemeinten hymnischen Ton eines Evangelisten, teils als ebenfalls nicht wirklich sachliche Berichterstattung.
Ich habe keine große Ahnung von Literatur, aber ich glaube, das ist ein typischer Schelmenroman. Der ehrliche, anständige, ordentliche, fleißige, leistungsorientierte und patriotische, kurz: der gute Deutsche muss nicht immer der Klügere oder der Bessere sein.

Das ist doch sehr erfrischend und vor allem ganz wunderbar frech.

Was mir natürlich gut gefallen hat, sind solche Feinheiten:


















... sowie ein eigenes Schreibfehlerverzeichnis, gefakte Vorworte und zahlreiche Fußnoten und Anmerkungen.

Im Anhang ("Aus dem Nachlass") findet sich der Kartoffelroman, in dem beschrieben wird, wie die Powenze aus einer Laune heraus die ganze Stadt davon überzeugen, dass Kartoffeln in hohem Maße ungesund und folglich die Wurzel allen Übels sind.
Selbstverständlich organisieren sie gleichzeitig auch die Gegenbewegung und verdienen kräftig an beiden Seiten.


















Obwohl das bestimmt eher in übertragenem Sinne gemeint ist, fühlte ich mich stark an Stimmen erinnert, die ernsthaft Lebensmittel wie Getreide oder Milchprodukte als generell nicht zur menschlichen Ernährung geeignet befinden.
Aber das will ich jetzt hier nicht weiter vertiefen, dafür gibt es im Internet ja echt genug Diskussionsmöglichkeiten.

Wenn ich das richtig sehe, gibt es gerade keine aktuelle Auflage, aber antiquarisch kann man das Buch sogar für noch weniger Geld, als ich bezahlt habe, bekommen. 
Mir hat es so gut gefallen, dass ich es sogar neu gekauft haben wollen würde...  

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