Donnerstag, 20. August 2015

Rezension: "Go Set a Watchman" von Harper Lee

Der Verlag Penguin Random House UK hat mir wieder (über Blogg dein Buch) ein Buch zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!























Unter dem lebhaften Umschlag verbirgt sich ein schlichtes Hardcover von ziemlich gigantischen Ausmaßen. Warum müssen englische Bücher immer so riesig sein?

Kurz zum Inhalt:
Wir befinden uns in den USA der 1950er Jahre. Die 26jährige Jean Louise kommt aus New York zu Besuch in ihre kleine Heimatstadt in Alabama, wo ihr bereits über siebzigjähriger Vater lebt, an dem sie mit großer Bewunderung hängt. Als sie feststellen muss, dass er und ihr Beinahe-Verlobter Henry sich in einem weißen Bürgerrat engagieren, der zum Ziel hat, die rechtliche Gleichstellung der Afroamerikaner zu verhindern, bricht für Jean Louise eine Welt zusammen. Sie muss erkennen, dass die Menschen, die ihr am nächsten stehen, nicht so sind, wie sie sich das immer vorgestellt hatte.

Wie das Cover uns schon unmissverständlich mitteilt, ist das Buch sozusagen ein zweiter Teil zum Welterfolg "To Kill a Mockingbird", zu deutsch "Wer die Nachtigall stört", den ich - Asche auf mein Haupt - nicht kenne. Sozusagen, weil Harper Lee angeblich dieses Buch zuerst geschrieben hat. Es spielt aber 20 Jahre später.
Ich kannte also die Vorgeschichte nicht. Das macht aber nichts, denn es wird schon erzählt, dass Jean Louises Vater, ein Rechtsanwalt, in den 30er Jahren einen aufsehenerregenden Prozess gewonnen hat: Ein junger schwarzen Farmarbeiter wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung eines weißen Mädchens freigesprochen. Ein völlig außergewöhnlicher Fall, der ihrem Vater bestimmt nicht nur Freunde eingebracht hat. Jean Louise hängt außerdem ganz besonders an ihrem Vater, weil er sie und ihren mittlerweile verstorbenen Bruder nach dem frühen Tod seiner Frau allein und liebevoll zu modernen, toleranten Menschen erzogen hat.
Jean Louise kommt also aus New York zuhause an und trägt Hosen, was ihre ältliche Tante sofort bemängelt... "did you come down on the train Like That?"
Ihr Jugendfreund Henry macht ihr einen Heiratsantrag, aber Jean Louise ist sich unschlüssig, ob sie ihn annehmen soll. Henry ist klug und attraktiv, und sie hat ihn gern, aber reicht das für eine Ehe? Und soll sie wirklich aus dem toleranten New York zurück in die Südstaaten und Kaffeekränzchen mit ihren ehemaligen Schulkameradinnen abhalten, die sich über ihre Männer, Kinder und die schwarzen Dienstboten unterhalten?
An dem Punkt wurde es mir ja ein wenig langweilig. Nett geschrieben, auch lustig, aber nun ja, ich hatte thematisch ein bisschen mehr erwartet. Aber genau da kommt der große Knall. Jean Louise findet ein widerliches rassistisches Pamphlet bei ihrem Vater und will es wegwerfen - nicht doch, sagt die gute Tante, da steht eine Menge Wahres drin.
Jean Louise will natürlich wissen, wie so was in den Haushalt ihres Vater gelangt ist, und findet ihn und Henry bei einer Sitzung des örtlichen weißen Bürgerrates, wo gerade ein Populist gegen die Gleichberechtigung der Schwarzen wettert.
Das tut weh - was sie bis jetzt für selbstverständlich angesehen hat (dass ihr Umfeld genau wie sie Menschen jeder Hautfarbe ganz einfach als gleichwertig ansieht), scheint nicht mehr wahr zu sein.
Ungefähr an der Stelle konnte ich nicht mehr jedem Gespräch 100%ig folgen, weil jetzt mittlerweile geschichtliche Details zur Sprache kommen, die damals topaktuell waren, mir aber nicht so richtig viel sagen. Zusammengereimt habe ich mir das mal so: Durch ein Urteil des Obersten Gerichtshof wurde der Staat Alabama gezwungen, seine Rechtssprechung (oder Verfassung?) hinsichtlich der Rassentrennung zu ändern. Gleichzeitig kam eine schwarze Organisation auf, die volle Bürgerrechte für alle forderte. Das machte die Mehrheit der Weißen doppelt nervös. Erstens wünschten sie keine Einmischung in ihre Angelegenheiten, zweitens wollten sie keine Gleichstellung der farbigen Bevölkerung. Die Einrichtung der weißen Bürgerräte waren eine Folge, Übergriffe und Morde durch den Ku-Klux-Klan eine weitere. Diese Situation hat das Klima zwischen schwarz und weiß natürlich deutlich verschlechtert.
Ob und wie Jean Louise mit ihrem Vater, Henry (und der Tante) weiterleben kann, will ich jetzt nicht verraten, ein bisschen Spannung soll ja bleiben.

Das Buch hat mir so gut gefallen, dass ich jetzt "To Kill a Mockingbird" auch lesen möchte.
Man merkt, dass Harper Lee viel Autobiographisches in ihren Text einfließen lässt, und nichts tut einem Buch besser als ein Autor, der selbst erlebt hat, was er beschreibt.
Ein gutes Buch über persönliche Unabhängigkeit, den langen Prozess des Erwachsenwerdens und nicht zuletzt über Menschenwürde und Gerechtigkeit.

Der Titel ist ein Bibelzitat: Gehe hin, stelle einen Wächter auf. Passt gut.

Wer es lesen möchte, kann es hier bestellen (den Link hab ich jetzt wieder selber rausgesucht, so weit reicht der Service von Blogg dein Buch offenbar nicht mehr). 

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