Dienstag, 22. Juli 2014

Rezension: Teufelsmord von Tanja Noy

Blogg dein Buch hat mir wieder einen Krimi gegönnt. 
Teufelsmord von Tanja Noy. Hier erhältlich. 






















Vielen Dank an den Mira-Taschenbuch-Verlag.  Ich wusste gar nicht, dass die auch Krimis haben. Oder Thriller, meinetwegen.

Kurzer Anriss der Story: 
Tanja Wagner meint mit 30, ihre Vergangenheit weit hinter sich gelassen zu haben. Aber sie fährt zur Beerdigung einer Freundin aus Kindheitstagen, die ihren Mann umgebracht haben soll und sich anschließend erhängt hat. Tanja, die Tote und zwei weitere Freunde sind im kleinen Ort Wittenrode im Waisenhaus aufgewachsen. Wittenrode wurde 20 Jahre früher von einer Serie von Ritualmorden erschüttert. Das Dorf ist eine verschworene Gemeinschaft, die weniger aus Solidarität zusammen hält, sondern weil zu viele Leute etwas zu verbergen haben. Tanja glaubt an die Unschuld ihrer Freundin und beginnt, unbequeme Fragen zu stellen. Sie ahnt nicht, dass sie bereits in höchster Gefahr schwebt.

Was ich dazu meine:
Nun ja. Fangen wir mal mit den positiven Seiten an.
Recht hübscher Einband, sauberer Druck, gutes Papier, keine Druckfehler (und das hat ja heutzutage schon fast Seltenheitswert). Offen gesagt, schon da war ich in allen Punkten skeptisch - meine bisherigen Erfahrungen mit Mira-Taschenbüchern waren nicht unbedingt von der Art, dass ich da viel erwartet habe.  

Das Buch ist gar nicht schlecht geschrieben, nur hier und da klingen die Dialoge noch etwas hölzern.
Die Geschichte beginnt eigentlich auch ganz spannend. Der Mann, der in der Vergangenheit als Mörder verhaftet wurde (und sich dann, wenig originell, ebenfalls in Polizeigewahrsam umgebracht hat), hat die Morde natürlich nicht begangen, sondern der große Unbekannte. Leider wird uns zu einem sehr frühen Zeitpunkt erklärt, dass der Täter ein äußerlich gut angepasster, hoch intelligenter, männlicher Soziopath sein muss, der außerdem notwendigerweise in Wittenrode lebt. Im Buch kommen exakt zwei Männer vor, auf die diese Beschreibung zutrifft. Mit ganz viel gutem Willen vielleicht drei. Zwei von den dreien werden zu offensichtlich verdächtig dargestellt, um uns als Mörder wahrscheinlich vorzukommen. Das schränkt die Auswahl und damit den Rätselspaß natürlich etwas ein. Zumal die anderen auftretenden Personen sterben wie die Fliegen.
Die Satanismusnummer hängt mir inzwischen ein bisschen zum Hals raus. Menschenopfer hatten wir doch nun schon öfter. Aber gut, über irgendwas muss man ja schreiben. Gefallen haben mir die Abhängigkeiten in der Dorfgemeinschaft – man hält nicht zusammen (oder zumindest: die Klappe), weil man sich so gern hat, sondern weil jeder seine eigenen Interessen wahren möchte. Ein ländlicher Wust aus verbotenen Liebesverhältnissen, Gewalt, Trunksucht, Spekulationen, Habgier, Eifersucht und Inzest. Da ist der Autorin einiges eingefallen.
Die Charaktere sind vielleicht ein bisschen flach, ein bisschen stereotyp, aber gut - schließlich ist das ein Krimi und kein Anwärter auf den Literaturnobelpreis.
Schlimmer finde ich das Setting.
Wir haben da ein winziges Dorf in Norddeutschland, das sich einer sensationellen Infrastruktur erfreut: Es gibt einen Bürgermeister, einen Pfarrer, eine Polizeidienststelle, einen Bäcker, einen Friseur, eine Pension, eine Kneipe, ein Waisenhaus und eine Burgruine mit Kapelle und – unterirdischem Verlies. Ehrlich. Wenn das so läuft in Niedersachsens Outbacks, dann wird der Länderfinanzausgleich jetzt wohl bald in Richtung Süden fließen.
Und dann die Kinder, die alle unter strenger Aufsicht des Pfarrers im Waisenhaus aufgewachsen sind – ich mag mich täuschen, aber heißen solche Einrichtungen nicht seit geraumer Zeit Kinderheim und werden Waisen nicht auch eher an Adoptiv- oder Pflegeeltern vermittelt? Wir sind doch nicht mehr im 19. Jahrhundert.
Noch dazu ist das ganze Dorf angeblich erzkatholisch. Die nächste größere Stadt ist Hannover. Ist man in der Gegend traditionell nicht überwiegend evangelisch?
Einiges davon könnte die Autorin mit ein paar Sätzen aufklären (eine große, erfolgreiche Firma am Ort, eine geschichtlich bedingt katholische Enklave, was auch immer), aber das tut sie leider nicht.
So, wie das Buch sich präsentiert, erinnert es zu deutlich an Enid Blyton. Die vier Freunde. Mit Taschenlampe. Allerdings ohne Hund. Man sollte dankbar sein.
Ein Punkt noch, der mich immer wieder ärgert. Die Autorin lockt uns mit Geheimnissen, deren Lösung sie uns vorenthält. Was hatte Tanjas Vater denn nun zu verbergen? Nur die Alkoholabhängigkeit ihrer Mutter? Riskiert ein Staatsanwalt wegen so was Kopf und Kragen? Und hatten die Eltern wirklich einen Unfall oder wurden sie ermordet? Auch der Grund, weshalb der Mörder sich ausgerechnet Tanja als Widersacherin erwählt hat, ist so dünn, dass die Autorin ihn ganz zum Schluss selber noch schnell in Frage stellt. Auch hier keine Antwort, keine Auflösung.
Was ich aber nicht unerwähnt lassen möchte: Das Buch ist ein Erstlingswerk. Viele der Dinge, die ich hier so freigiebig kritisiere, nerven mich auch an erfolgreichen und hochgelobten Krimiautoren. Vielleicht schreibt die Autorin sich noch so richtig warm und das nächste Buch ist dann ganz hervorragend.

Fazit: 
Für einen Tatort am Sonntagabend wäre die Geschichte völlig in Ordnung (allein schon, weil wir da viel Übleres gewohnt sind), für einen richtig guten Roman reicht es nicht so ganz aus. 

Kommentare:

  1. Ja so um Paderborn herum hat es erzkatholische Flecken ;). Glaub ich jedenfalls in Erinnerung zu haben

    Aber so arg viele Leichen finde ich auch übertrieben.

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    1. Paderborn liegt ja aber nicht gerade bei Hannover... aber egal.
      Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Leute da sterben. Gefühlt auf jeden Fall mehr als überleben. :D

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