Freitag, 29. November 2013

Lesefutter November



















Piet Bakker: Ciske die Ratte
Ich könnte mir vorstellen, dass das sogar ein eigenes Genre ist, aber wenn, dann weiß ich nicht, wie es heißt... Jedenfalls ein Roman über (einen) Schüler aus Sicht eines Lehrers. Das Buch wurde in den 1940er Jahren geschrieben und spielt wohl so in den Dreißigern in den Niederlanden. Eigentlich ist das ganze Buch ein Plädoyer für eine moderne Erziehung, die statt Strafe und Sühne Hilfe und Unterstützung in den Mittelpunkt stellt.

Es geht um einen Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, dessen Vater zur See fährt und ihn der denkbar schlechten Obhut seiner lieblosen Mutter überlässt. Ciske ist ein Problemkind, das zu Gewaltausbrüchen neigt. In einem Wutanfall tötet er einen Menschen und wird dafür mit einem halben Jahr in der „Zuchtanstalt“ bestraft. 
Wie alt Ciske genau ist, erfährt man nicht, aber er dürfte so um die 12 Jahre sein. An der Stelle dachte ich dann, na gut, das waren auch andere Zeiten – und hörte dann zwei Stunden später in den Nachrichten, dass in den USA ein 13jähriger Junge zu sieben Jahren Jugendhaft verurteilt wurde, weil er als 10jähriger seinen Vater erschossen hat. Da fand ich die Niederlande vor 70 oder 80 Jahren spontan sehr modern.

Aber zurück zum Buch – gegen Ende wird die Absicht vielleicht ein bisschen zu deutlich, aber es ist gut geschrieben, spannend und durchaus auch lustig. Ich glaube, das ist auch als Jugendbuch gedacht.




 













Harald Baumgarten: Regina fährt nach Hoppegarten
Ein Krimi von 1939, der damals schon in der Billigreihe für eine Mark zu haben war. Da hab ich nicht viel erwartet, aber das Buch war eigentlich gar nicht schlecht. Damals waren Krimis unblutiger und viel weniger reißerisch als heute. Dafür gab es in diesem Fall fürs Herz noch eine Liebesgeschichte mit Happy End dazu.

Und, nicht zu vergessen: Ich habe gelernt, dass man zumindest auf der Strecke Berlin-Hamburg schon seit 1924 vom fahrenden Zug aus telefonieren konnte. 1924!
Auch moderner, als ich dachte.




 













Hugo v. Hoffmannsthal: Erzählungen und Aufsätze
Literatur! Hoffmannsthal ist ja entgegen meiner irrigen Annahme kein Romantiker, sondern eher ein Symbolist. Zumindest die Erzählungen kamen mir so vor. Die fand ich eigentlich wirklich nicht schlecht, nur teilweise viel zu langatmig. So langatmig, dass ich Seiten überblättert habe. Das mache ich selten.
Bei den Aufsätzen, in denen es dann in erster Linie um Politik geht, habe ich aufgegeben. Mich langweilt schon die aktuelle Politik, die vergangener Zeiten noch viel mehr.





 














 


Knut Hamsun: Hunger
Die gute Bücherkiste! Genau das Buch wollte ich gerne als nächstes von Hamsun lesen und war mir sicher, dass ich das antiquarisch und preiswert kriege. 
Heute bekommt wahrscheinlich keiner mehr den Ekkehard zur Konfirmation oder Schillers gesammelte Werke zur Hochzeit, aber das wurde jahrzehntelang eisern praktiziert, so dass man Klassiker, die keiner mehr haben will, eigentlich immer findet. Aber dass gerade das Buch so bequem in der Bücherkiste lag, war natürlich toll. 
Und dann noch der Einband! Das ist kein Bild von irgendjemandem, sondern von Th. Th. Heine. Übrigens hat sich da der Verlag oder die Buchbinderei eine kleine Freiheit erlaubt und der Gestalt auf der Treppe ein rotes Auge verpasst. Im Originalentwurf hat der Fleck nämlich die Farbe vom Hintergrund – dann sieht man eindeutig, dass da ein bis auf die Knochen abgemagerter Mann auf der Treppe sitzt und kein Monster.

Aber über den Inhalt könnte ich ja auch noch was sagen. Der Ich-Erzähler versucht als junger Journalist in Oslo, das damals noch Kristiania hieß, den Winter zu überstehen. In der Hoffnung, mit dem nächsten Artikel genug Geld zum Überleben zu verdienen, hungert er tage- und wochenlang und haust ungewaschen in ungeheizten Dachstuben - was natürlich irgendwann zur Folge hat, dass er auch nichts Vernünftiges mehr schreiben kann. Er schildert seinen körperlichen, moralischen und geistigen Verfall denkbar realistisch und drastisch. Das Buch ist ganz eindeutig autobiographisch geprägt, das merkt man, ohne viel über den Schriftsteller zu wissen. Hart, aber gut.

Liebe Bücherkiste, als nächstes hätte ich dann gern Segen der Erde, ja?


















Virginia Woolf: To the Lighthouse
Noch so eine berühmte Autorin, von der ich noch nie was gelesen habe. 
Das Buch besteht fast nur aus gedanklichen Momentaufnahmen. Eine Familie wohnt mit Freunden in einem Ferienhaus an der See. Ein einziger Abend wird aus Sicht von verschiedenen Personen über 140 Seiten geschildert, ohne dass es langweilig wird. 
Die Hauptcharaktere sind die Mutter der Familie, die ältere, aber immer noch schöne Mrs Ramsay, und eine jüngere Malerin, Lily Briscoe. Dann wechselt der Erzählstil, die Nacht als Naturereignis wird geschildert, dann der Verfall des Hauses, das während der Jahre des ersten Weltkriegs leer steht. In kurzen Einschüben erfährt man, dass Mrs Ramsay überraschend früh gestorben ist, ein Sohn an der Front gefallen und eine Tochter ebenfalls jung gestorben ist. Nach dem Krieg treffen sich die Familie und einige der Bekannten wieder im Landhaus. Jetzt liegt der Hauptaugenmerk auf Lily Briscoe und ihr Verhältnis zum verwitweten Mr. Ramsay.

Wenn man das Buch liest, hat man den Eindruck, dass Virginia Woolf geradezu beängstigend scharfsinnig war. Sie beleuchtet die Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren und die Zwänge und Bequemlichkeiten der gesellschaftlichen Konventionen quasi mit Scheinwerferlicht. 
Hat sich auch gelohnt. 

Der Zettel ist übrigens eine Zusammenfassung des Textes von einem Vorbesitzer.

Kommentare:

  1. Dann hoff ich mal mit, daß in der Bücherkiste "Segen der Erde" enthält.

    Und was ich Dir noch in die Grabbelkiste wünsche ist "Die Wellen" von Virginia Woolfe. Es schildert eine Beziehung zwischen 6 Personen, wobei die Perspektive immer wieder von einer anderen Person eingenommen wirdt. Auch ein Erzähler kommt zu Wort und es gibt Naturschilderungen als Einsprengsel. Die vielen Erzählstränge sind bisweilen verwirrend ineinander verflochte. Aber ich glaube, daß man sie gar nicht entflechten soll.

    Das ist ganz einfach schöne Prosa, die auf mich einen ziemlichen Sog ausgeübt hat. Ich hab mich dem vor zig Jahren einfach hingegeben und nix gross dabei gedacht :D.

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    1. Gut, wenn ich darüber stolpere, werde ich's mitnehmen. Danke für den Tipp! =)

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